Andreas Richter von Vice/Noisey schrieb einst für die Süddeutsche einen schönen Artikel über Iceage. Klar wurde der nie veröffentlicht, denn ein ‘lieber nicht’ mehr hat noch keinem geschadet..
Deshalb hier zum nachlesen:
2007 war es, da nutzte Anton Corbijn eine Atempause als Hoffotograf und Clipregisseur für Großkunden wie Depeche Mode und U2 für seine erste große Leinwandarbeit Control – das filmische Gedenken an den 1980 verstorbenen Joy Division-Sänger Ian Curtis. Die ersten Minuten gehen so: Sam Riley, den noch ganz zarten Curtis gebend, erhebt sich oberkörperfrei, eine rebellisch gerauchte Zigarette ausdrückend, vom Jugendzimmerbett. Er schreitet zum Spiegel und wirft sich davor in Ziggy Stardust-Pose, während auf dem Plattenteller David Bowies „The Jean Genie“ rotiert.
Keiner weiß, ob es diesen Moment Ende der 70er genau so gegeben hat. Die Szene aber versichert: Jung und Fan waren sie alle mal, ob nun die alten Meister oder – wie Curtis – die früh Gegangenen.
Erlebt man heute Elias Bender Rønnenfelt, den Sänger der dänischen Punk-Band Iceage auf einer Bühne, dann fällt es schwer, nicht an Ian Curtis zu denken. Es ist nicht so, dass er dessen typische Moves, den Mikroständerstechschritt und das irre Armfuchteln imitieren würde. Vielmehr beansprucht er für sich besoffenes Wogen und Stolpern durch seine übertrieben schlampig spielende Band und das früher oder später in die Raserei einstimmende Publikum. Sein braver Haarschnitt, das locker geknöpfte Herrenhemd, das fotogene, bartlose Milchgesicht, die insgesamt blasse Erscheinung überdecken eine in der live-Situation explodierende Unberechenbarkeit, die ihn immer nah am Curtisschen Schatten tanzen lässt. Selbstverständlich ist auch das alles eine Pose. Ob sie wohl ebenfalls vor einem Spiegel für den Bühnengebrauch freigegeben wurde? Hoffen wir es! Wie nervtötend und verlogen ist doch dieses nicht totzukriegende Gejammer, eine Band habe authentisch, originell und neu zu sein. Iceage sind wahrscheinlich nichts davon, doch sie liegen selbst dann noch richtig, wenn sie alles falsch machen.
Elias, Johan, Dan und Jakob stammen aus der Kopenhagener Punkszene, kennen sich von der Schule. 2008 die Gründung, drei Jahre später das erste, Aufsehen erregende Album New Brigade. Ein Ausbruch aus dem Nichts. Nach der Independent Veröffentlichung wird aus dem lokalen ein internationaler Hype. Das von Schallplattenhipstern geschätzte Label Dais Records lizenziert New Brigade für den US-Markt. Blogs und Musikpresse feiern ein neues Teen Angst-Phänomen – die Mitglieder der Band sind zu diesem Zeitpunkt gerade mal 18 oder 19 Jahre alt. Und genau so verhalten sie sich auch. Im Bandalltag wird spätpubertäre Gleichgültigkeit auf die Spitze getrieben. Interesse an der Wirkung dessen, was sie in ihrem Proberaum verzapfen? Fehlanzeige. Politischer Aktivismus, Punk-typische Auflehnung gegen das Establishment? Nicht mal ansatzweise. Iceage beugen sich da viel lieber dem Leidensdruck des nihilistischen Post-Punk. Irgendwelche prekären Bedingungen, auf die man reagieren müsste? Hallo, wir sind in Dänemark. Selbst mit dem innerstädtischen Hippie-Habitat Christiania will man nichts zu tun haben. Iceage flirten stattdessen mit der Provokation. Stilisieren ihr Bandlogo zu einem Runen-Emblem aus einem I und einem A. Hüpfen in einem ihrer Videos in Klan-Masken ums Lagerfeuer. Outen sich als Hörer nationalsozialistischer Black Metal-Bands in ansonsten eher wortkarg geführten Interviews. Veröffentlichen politisch unkorrekte Kritzeleien in Underground-Fanzines. Dummburschiges Knöpfchengedrücke, das umgehend von der Szene-Polizei zu krypto-faschistoiden Manieren aufgeblasen wird. Gewiss ist es immer idiotischer, die braune Karte zu spielen als auf den Trick hereinzufallen. Doch das Kokettieren mit Nazi-Ästhetik hat eine Tradition in der Subkultur der Punks, die so lang und durchbuchstabiert ist, dass sie eigentlich kein sensationsgeiles Blatt mehr hinter der Druckerpresse hervorlocken sollte. Siehe auch hier: Joy Division. Unverhältnismäßiges Benehmen während live-Shows kennt man ebenfalls in sämtlichen Ausprägungen, seit sich der Agent Provocateur des Punk GG Allin das letzte Mal aus sämtlichen Körperöffnungen auf eine Bühne entäußert hat. Selbst der Künstlersuizid, noch einmal sei in Richtung Ian Curtis gedeutet, hat heute weniger von der tragischsten, notvollsten aller Gesten als von einem Rock-biografischen Ordnungspunkt – Suizid, der Vollständigkeit halber.
Das Skandal-Normativ gilt nach über 50 Jahren Rockgeschichte als extrem ausgereizt, da kann der provokative Klimbim dieser Band nicht mystisch, sondern nur lächerlich wirken. Noch bedauerlicher: er lenkt den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit weg von ihrer Musik, die so auffallend gut ist, dass sie tatsächlich Rockgeschichte schreiben könnte. Gerade erschien auf Matador Records, dem renommierten Label, das bereits Fucked Up und Ceremony aus der Hardcore-Szene in das größere Geschehen beförderte, das zweite Iceage-Album You’re Nothing. Ein von innen brennendes Album, das erstmalig aus ihrem strategischen Gerumpel eine klare Formsprache herausholt. Das desolate Fieber ist da. Auch das abgefuckte in den Seilen hängen, gegen das die Musik von Pete Doherty klingt wie Kommunionsgeklampfe. Die beim Black Metal entliehenen Dissonanzgitarren, der Bass, der unaufhörlich Dreck in den Sound schippt, die sich immer wieder zusammen ziehende und Feuer spuckende Kraft dieser Band. All das ist da, nur diesmal verpackt in klugen Arrangements und brillant hingeworfenen Songs. Wer nun meint, es darauf anlegen zu müssen, der entdeckt vielleicht die Vorbilder, bei denen Iceage ganz genau hingehört haben. Man kann es dabei belassen und murren, dass sich Geschichte einfach nur ein weiteres Mal wiederholt hat. Man kann You’re Nothing aber auch wirken lassen und feststellen, dass beim ersten Mal noch lange nicht alles gesagt war. (Andreas Richter, 2013)